Verbeugung vor Spiegeln: auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises

NZZ Kritik von Roman Bucheli

Wohin auch immer Martin R. Dean blickt, sieht er die Dinge schwinden und verschwinden. Die Welt und das Dasein werden stetig ärmer, dass sie dadurch nicht besser werden, versteht sich von selbst. Und gleichwohl ist Dean kein Nostalgiker, freilich ein Melancholiker von allerdings altem Schrot und Korn. Dass der nüchterne Diagnostiker der Welt und seiner selbst in der Welt mehr Verluste als Gewinne ausmacht, ist weder Folge noch Ursache seiner Melancholie und hängt dennoch aufs Engste mit ihr zusammen. Mag sich auch, wie Dean schreibt, Freuds Einsicht nicht durchgesetzt haben, dass es die Welt nicht gibt, in der wir je völlig zu Hause sind, so ist gerade dies seine existenzielle Urerfahrung gewesen.

Zwischen seinem Mutterland und dem Vaterland, so schreibt der Sohn einer Schweizerin und eines in Trinidad geborenen, indischstämmigen Vaters, habe sich ein Meer erstreckt. Im Dazwischen sei er zu Hause, und die «Heimat» (Dean setzt das Wort eher aus stiller Anhänglichkeit denn aus Snobismus in Anführungszeichen) sei ihm eine lebenslange Aufgabe gewesen: «nämlich das ‹Festland› zu verlassen, um in der Ferne mich des Eigenen zu bemächtigen». Man sieht, wie dialektisch hier Verlust und Gewinn, wie das Eigene und das Fremde ineinander verschränkt sind. Das eine ist ohne das andere nie zu haben. Solches zu erkennen, fällt jenem leichter und ist jenem lebenslange Last (und Lust), der immer im Dazwischen steht, der nie vollends dazugehört. Aus solcher Fremdheitserfahrung im Eigenen und solchem Heimischwerden im Fremden nähren sich sein genauer Blick und seine Melancholie gleichermassen.

Seinen Essayband «Verbeugung vor Spiegeln» (gibt es ein schöneres Bild für Stolz und Demut des Melancholikers?) eröffnet Dean mit dem lakonischen Satz: «Das Fremde ist am Verschwinden.» Das könnte man tröstlich finden. Indessen zeigt nun Dean, dass Ausgrenzung und Einebnung aller Fremdheit gerade jenes Malaise befördern, das die Begegnung mit dem anderen erst ausgelöst hatte. Wie das Fremde im Eigenen den Spiegel des anderen braucht, davon handeln in wohltuender Unaufdringlichkeit, aber mit existenzieller Dringlichkeit diese Essays. Dabei verschränken sich autobiografische Skizzen (die Entdeckung der Gärten) mit poetologischer Reflexion des eigenen Schreibens und weiten sich wiederum zu kulturkritischen Aufsätzen. Ans Innerste seiner selbst rührt Martin Dean indessen gerade da, wo er als subtiler Exeget andere Autoren liest: Elias Canetti oder Thomas Mann zum Beispiel. Indem er von ihnen und ihren Werken spricht, verbeugt er sich vor Spiegeln, die das genaueste Bild von ihm selbst zurückwerfen.

 

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