Laudatio von Heini Vogler

CH Buchpreis 2015
Laudatio Martin R. Dean: Verbeugung vor Spiegeln. Über das Eigene und das
Fremde. Jung und Jung. H.Vogler
Das Fremde ist nicht lebensfähig ohne das Eigene als Widerpart. Die beiden Begriffe
bedingen sich. Der indische Kulturtheoretiker Homi Bhabha hat sie elegant
verschränkt. Er spricht vom „Fremden in uns und vom Eigenen im Fremden.“
In der Antike pflegte man das Fremde vor allem an der unterschiedlichen Sprache
festzumachen. Der Barbaros ist der Fremde, der die griechische Sprache nicht
beherrscht. Das Christentum operierte dann mit der Dimension des Religiösen: Alle,
die nicht Christen sind, sind Heiden, also zu bekämpfende Fremde. Heute sind wir
wohl etwas weiter. Sind wir? Dies ist zumindest fraglich, wenn wir ohnmächtig
zuschauen, auf welche Weise Fremde heute zu uns finden oder wie sie ihre Reise
gar mit dem Tod bezahlen.
Martin R. Dean schreibt in seinen Essays „Verbeugung vor Spiegeln. Über das
Eigene und das Fremde“ nicht über die gegenwärtige Massenmigration aus Syrien,
Afghanistan, Afrika . Nein. Er betreibt nochmals Grundlagenforschung. Martin Dean
schiebt die Keimzelle des ominösen Paars „eigen – fremd“ unter sein Mikroskop.
Wobei er seine Befunde immer wieder mit der eigenen Erfahrung als Sohn eines
indischen Einwanderers in Trinidad kurzschliesst. Dean beobachtet, dass uns „das
Wagnis der Differenz, auf das wir in der Nachkriegszeit gebaut haben“, abhanden
kommt.
„Das Fremde ist am Verschwinden“ ist der Auftaktsatz dieses hellsichtigen
Essaybandes. Das Fremde wird, wo man hinschaut, sagt Dean, eingemeindet bis
„ihm die Fremdheit durch Integration“ abhanden komme. Er konkretisiert seinen
Befund, indem er uns ergänzend literarisch von seiner eigenen, realen Fremdheit in
sich erzählt. Derjenigen, die ihn von seiner ersten Heimat, Trinidad, entfremdet hat.
Er lobt andererseits die positive Freiheit, die er als junger Reisender in den
multikulturellen europäischen Metropolen vorgefunden hat. Da hätte man sich
nämlich bis um 1970 an der gegenseitigen Fremdheit noch erfreuen können.
Der Autor erinnert auch daran, wie Erfahrung des Fremdseins in viele seiner
Romane eingeflossen ist, insbesondere in „Meine Väter“. Da sind im Essayband sehr
berührende Momente des Fremdseins des leiblichen Vaters wie des Stiefvaters
kristallisiert - beide sind aus Trinidad nach Europa emigriert. Und beide sind sich auf
ihre je eigene Weise selbst fremd geblieben.
Elias Canetti ist Deans Hauptzeuge. Der Schriftsteller wollte in Nordafrika dem
Fremden unvorbereitet, ohne Vorwissen begegnen. Mit dem Ziel zu einer Art Selbst-
Entfremdung zu finden. Canetti habe „das Fremde aushalten, sich dabei selber ein
Fremder werden wollen.“ So hält es Martin R. Dean fest.
Wir müssten denn auch wieder lernen, dass uns „das Fremde fremd bleibt.“ Dies ist
die paradoxe Quintessenz von Deans luzidem Denkprozess. Er kann dazu beitragen,
die gegenwärtige, hysterische Debatte über das Fremde in humanistischere Bahnen
zu lenken. Der Autor ist der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule verpflichtet.
Auf diesen hundert Seiten hat niemand Recht und es will niemand Recht haben. Das
„Eigene und das Fremde“ haben aber ein neues Innenleben erhalten. Dafür können
wir Martin R. Dean dankbar sein. Und zwar sehr!

Ort: Theater Basel

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